
... Nun steckt aber in jedem Fall, auch im
alltäglichsten von
Liebe,
der Grenzfall, den wir, bei näherem Zusehen, erblicken
können und
vielleicht uns bemühen sollten, zu erblicken.
Denn bei allem, was wir tun, denken und fühlen,
möchten wir manchmal
bis zum Äußersten gehen. Der Wunsch wird in uns
wach, die Grenzen zu
überschreiten, die uns gesetzt sind. Nicht um mich zu
widerrufen,
sondern um es deutlicher zu ergänzen, möchte ich
sagen: Es ist auch
mir gewiß, daß wir in der Ordnung bleiben
müssen, daß es den Austritt
aus der Gesellschaft nicht gibt und wir uns aneinander prüfen
müssen.
Innerhalb der Grenzen aber haben wir den Blick gerichtet auf das
Vollkommene, das Unmögliche, Unerreichbare, sei es der Liebe,
der
Freiheit oder jeder reinen Größe. Im Widerspiel des
Unmöglichen mit dem
Möglichen erweitern wir unsere Möglichkeiten.
Daß wir es erzeugen,
dieses Spannungsverhältnis, an dem wir wachsen, darauf, meine
ich,
kommt es an; daß wir uns orientieren an einem Ziel, das
freilich, wenn
wir uns nähern, sich noch einmal entfernt. ...
Ingeborg
Bachmann
"Die Wahrheit ist dem
Menschen zumutbar"
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